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«Frauen muss man in Naturwissenschaft und Technik etwas zutrauen» - vollständiger Artikel

Die Astrophysikerin Kathrin Altwegg ist die einzige Weltraumprofessorin der Schweiz und war Direktorin des Kompetenzzentrums «Center for Space and Habitability » der Universität Bern. Trotz ihrer grossen Leistungen und Erfolge in der Weltraumforschung wirkt die mittlerweile emeritierte Physikprofessorin im Gespräch bescheiden und bodenständig. Sie erzählt von ihrem Werdegang in diesem frauenuntypischen Wissenschaftsfeld und erklärt, wie man mehr Frauen für Naturwissenschaft und Technik gewinnen kann.

Text: Roger Portmann

Als Jugendliche wollten Sie lange Archäologin werden, entschieden sich dann aber für ein Physikstudium. Wie kam das?
Ich wollte immer wissen, wie etwas entstanden ist, Ursprünge ausgraben sozusagen. Als ich mich in der Schule wieder einmal langweilte, ging ich zur Berufsberatung, wo man mir etwas Naturwissenschaftliches zu studieren empfahl – besser Chemie als Physik hiess es, weil es in der Physik noch gar keine Frauen gab. Doch die Physik sagte mir aufgrund ihrer Exaktheit eher zu als die Chemie. Nach dem Studium der Festkörperphysik landete ich in der Weltraumforschung und bemerkte, dass dort ja auch Archäologie stattfindet, und zwar ganz fundamental, da es um die Ursprünge nicht nur des Menschen, sondern aller Dinge geht. So wurde ich durch gute Fügung Atmosphären- und Kometenforscherin.

Der tiefe Frauenanteil in Ihren Interessensgebieten hat Sie nicht gebremst. Eine wichtige Rolle bei der Wahl der Ausbildung spielt meist das familiäre Umfeld. Hatten Sie denn eines, das Ihre Offenheit für einen geschlechteruntypischen Bildungsweg bestärkte?
Ja, mein familiäres Umfeld war diesbezüglich sehr offen. Meine Eltern waren beide praktizierende Ärzte, mein Grossvater Chemiker, meine Tante in den USA war Mathematikerin und es gab in der Verwandtschaft auch Ingenieurinnen. So hatte ich im familiären Umfeld durchaus Vorbilder. Frauen waren gleichberechtigt in Ausbildung und Arbeit, es wurde diskutiert über Naturwissenschaften und Medizin, das war schon prägend.

Wichtig sei es vor allem, dass sich die Frauen etwas zutrauten, haben Sie einmal gesagt. Die Eltern müssten ihren Töchtern von klein auf ein Selbstbewusstsein aufzubauen helfen. Ihre beiden Töchter wurden Mathematikerin und Materialwissenschafterin, hat Ihr Engagement also Früchte getragen?
Nun, das ist sicher nicht nur mein Verdienst, denn mein Mann ist ja auch Physiker, der Apfel fällt bei den Begabungen wohl nicht weit vom Stamm. Unsere eine Tochter wollte ursprünglich etwas im Sprachenbereich lernen, verstand sich dann doch mit ihrer Deutschlehrerin nicht wirklich, aber mit der Mathematiklehrerin konnte sie es sehr gut. Die positive Prägung durch die Mathematiklehrerin war matchentscheidend, sie war ein gutes Vorbild.

Sie sind die einzige Weltraumprofessorin in der Schweiz und waren als erste Frau Direktorin des Kompetenzzentrums «Center for Space and Habitability». Auch in der popkulturellen Weltraumsaga «Star Trek» gibt es nur eine einzige Kapitänin als Protagonistin. Frauen in Führungspositionen scheinen in der Astronomie also rar, in der Realität und in der Fiktion. Wie sieht es denn mit dem Frauenanteil bei den Studierenden aus?
Zu Beginn studiert man ja nicht Astrophysik, sondern einfach Physik, dort machen die Studentinnen 15–20 % der Gesamtheit aus. Das hat zugenommen von praktisch null, ich war damals ja noch die einzige Studentin meines Jahrgangs. Erfreulicherweise finden wir beim Master an der Universität Bern prozentual immer noch gleich viele Frauen, Dissertandinnen gibt es dann auch noch relativ viele und nachher nimmt der Frauenanteil rapide ab. Nach dem Doktorat ist nämlich eine hohe Mobilität gefordert, dies bedeutet in einer Paarbeziehung mehrjährige Entbehrungen und macht die Frage von Kindern schwierig. Nach wie vor ist die Vereinbarkeit von Familie und höherer akademische Position sehr problematisch.

Damit sich Familie und Beruf besser vereinbaren lassen, fordern Sie ja Teilzeitstellen auch in Führungspositionen. Wie konnten Sie selbst die beiden Bereiche in Einklang bringen?
Während meiner Dissertation in Basel lernte ich meinen zukünftigen Ehemann kennen, ebenfalls ein Physiker. Gemeinsam gingen wir als Postdoktoranden nach New York, damit stellte sich das erwähnte Problem der fehlenden Arbeitserlaubnis für meinen Partner gar nicht. Zurück in der Schweiz verdankte ich die Vereinbarkeit von Familie und akademischer Laufbahn meinem Mann, meinem Chef an der Universität Bern, dem kürzlich verstorbenen Prof. Hans Balsiger, und den vielen guten Geistern, die zuhause mithalfen. Balsiger ermöglichte es mir, mit meinem ersten Kind mein Pensum an der Universität stark zu reduzieren und danach auch wieder auszubauen, denn andernfalls ist man in der Forschung weg vom Fenster. Mein Mann hat die ganze Zeit mitgezogen und war tolerant, wenn zuhause mal ein Chaos herrschte. Ich war diesbezüglich nie die Perfektionistin. Physik an einem Gymnasium zu unterrichten hätte ich mir auch vorstellen können, doch an der Uni wollten sie mich behalten und boten mir nach meiner Habilitation an, Balsigers Nachfolgerin zu werden. Diese Vollzeitstelle einer ordentlichen Professur inklusive Institutsleitung hätte mir, bei aller Ehre, zu viel Verwaltung und Diplomatie, aber zu wenig Weltraumforschung bedeutet. Da ich nie unter Karrieredruck stand, bevorzugte ich im Jahr 2001 die Stelle als «Associate Professor».

Eine andere akademische Pionierin gleicher Generation, Regula Kyburz-Graber, die erste Professorin für Gymnasialpädagogik an der Universität Zürich, schreibt in ihrer neuen Biografie, die Geschlechterstereotype seien noch unglaublich stark vorhanden. Letztere zu überwinden und den Frauenanteil in den Naturwissenschaften zu steigern, ist Ihnen ein Anliegen. Wie kann dies gelingen?
Es ist auf jeder Stufe wichtig, das Selbstvertrauen der Frauen zu stärken. Kleine Mädchen sind sehr offen und es prägt sie, wenn man ihnen etwas Technisch-Handwerkliches zutraut und beibringt, dass auch sie löten oder hämmern können. Eine zweite wichtige Zeit ist jene der Pubertät, während der die Entscheidung hinsichtlich der Ausbildungswahl geschieht. Mädchen sind bis dahin sehr offen gegenüber Technik und Naturwissenschaften, dann aber verlieren wir sie und es entstehen Gruppenzugehörigkeiten entlang der Geschlechterstereotype. Auf einmal wird eine Sprache wie Französisch als typisch weiblich und Physik als männlich assoziiert und just zu jenem ungünstigen Zeitpunkt starker Geschlechtersegregation werden die Weichen gestellt. Hier sind Anstrengungen der Lehrpersonen gefordert, den Lernenden unabhängig vom Geschlecht die Bandbreite sämtlicher Bildungswege aufzeigen. Und gegen Ende eines Studiums im naturwissenschaftlich-technischen Bereich kann ein Mentoring die jungen Akademikerinnen darin bestärken, nach der Dissertation weiterzukommen und genauso wie Männer ihren Weg in der Berufswelt zu machen. Diese Karrieremöglichkeiten zu verdeutlichen ist für mich eine der wichtigsten Aufgaben von uns Professor*innen.

Regula Kyburz-Graber erzählte in einem Interview anlässlich ihrer Biografie rückblickend von spitzen Bemerkungen und Blicken, die sie auf dem Weg zur Professorin habe ertragen müssen. Wie waren Ihre Erfahrungen?
Diese Bemerkungen gab es durchaus auch. Mein Paradebeispiel ist immer ein Professor in Basel, der allen Frauen im Praktikum – Physikerinnen, Mathematikerinnen und Chemikerinnen – sagte, sie sollen lieber im Warenhaus Strümpfe verkaufen gehen. Ein anderer jüngerer Professor hat mir bei einem Prüfungsvorgespräch erklärt, er wisse ja, dass die Frauen in Physik nicht so gut seien, daher würde er mir dann extra einfache Fragen stellen. Die konnte ich auch alle beantworten, dennoch erhielt ich nur die Note 5 mit der Begründung, bei so einfachen Fragen könne er mir keine bessere Note geben. Dabei hätte ich es nie gewagt, solchen Professoren zu widersprechen, als junge Studentin war ich ja völlig abhängig von ihnen, da durfte man sich nicht unbeliebt machen. Heute lache ich über solche Sachen und würde anders reagieren. Und heute weiss ich: Man muss den Frauen in Naturwissenschaft und Technik etwas zutrauen, um sie zu fördern.

Und wie könnten die Schulen Technik und Naturwissenschaft für Mädchen attraktiver machen?
Ich habe oft überlegt, wie ich am Gymnasium Physik unterrichten würde, damit es Mädchen mehr interessiert und sie nicht abhängen: weniger auf Abstraktes fokussieren und mehr den Alltagsbezug herstellen! Letztlich ist im Alltag alles Physik. Wenn es um Strom, Leistung und Energie geht, würde ich Umwelt- und Klimafragen ins Spiel bringen. Kraftwirkungen und Energie kann man anhand von Unfallgefahren beim Velofahren thematisieren. Alle Naturwissenschaften lassen sich im Alltag festmachen, die modernen Lehrmittel spuren da schon vor. So kann man Schülerinnen begeistern und auch für die Schüler ist es ein Gewinn.

Autor

Roger Portmann

Roger Portmann, lic.phil.I, ist Berufsfachschullehrer, Fachhochschullehrbeauftragter und freischaffender Journalist. Nach einer technischen Berufslehre erlangte er auf dem zweiten Bildungsweg die Matura. An der Universität Zürich, der Freien Universität und der Humboldt Universität (beide in Berlin) folgten Studien der Geschichte, Medienwissenschaften, Politologie und Kulturwissenschaften. Während jener Zeit war er als Radioredaktor und Moderator tätig, begann für Zeitungen und Zeitschriften zu schreiben, Berufslernende und Erwachsene zu unterrichten. Nach dem Lizentiat absolvierte er in Zürich die Ausbildung zum Berufsfachschullehrer für allgemein bildenden Unterricht ABU, die er 2008 mit dem Diplom abschloss. Neben dem Berufsfachschulunterricht setzt er sich in Zeitschriftenartikeln mit Bildungsfragen auseinander und arbeitete an der PH Zürich als Lehrbeauftragter und wissenschaftlicher Mitarbeiter im ABU-Studiengang für Berufsfachschullehrpersonen.