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Lernen im Zeitalter der Digitalisierung

Mit der Digitalisierung kommt die Gegenwart unserer Lebens- und Arbeitswelt in die Schweizer Schulen. Sie bietet zeitgemässe Möglichkeiten, Lernende zu motivieren und den Unterricht spannend zu gestalten, birgt aber auch Risiken und hat ihre Grenzen. Die Lernprozesse müssen weiterhin im Vordergrund stehen. Dies sind einige Erkenntnisse aus einer Gesprächsrunde, zu der wir Lehrpersonen aus einer Sekundarschule, einer Berufsfachschule und einem Gymnasium eingeladen haben. Sie berichten über ihre Erfahrungen mit dem digitalen Unterricht.

Text: Roger Portmann

Ich möchte unser Gespräch mit etwas ganz Anschaulichem beginnen. Darf ich Sie bitten, einige Highlights aus Ihrer digitalen Unterrichtspraxis der letzten Monate zu schildern?

Remo Akermann (RA): In meiner Sekundarklasse verfassten die Schüler*innen einen Text über Afghanistan und die Machtergreifung der Taliban, den sie mir aber als Radiobeitrag einreichen mussten. Vorgegeben waren das Thema und die Anzahl Wörter. Ich war wirklich erstaunt über die tollen Ergebnisse, die überraschend radiogemäss daherkamen. Zum Teil wurden richtige kleine Sendungen daraus. Diese Fähigkeiten, einen Audiobeitrag zu gestalten, beherrschten meine Lernenden, ohne dass wir es vorher geübt hätten, und es zeigten sich ganz neue Talente. Dabei reichten als Werkzeuge Tablet und Smartphone.

Simone Gerber (SG): Solche Erfahrungen habe ich kürzlich auch gemacht. Meine Lernenden hatten im allgemeinbildenden Unterricht (ABU) beim Thema Marketing ein eigenes Produkt und dazu einen Radiospot oder ein Werbevideo zu kreieren, inklusive Analyse, wie das Ganze ankommt. Ich war sehr verblüfft, denn auch meine Lernenden brauchten von meiner Seite kaum mehr Anweisungen, sie beherrschten das einfach, widmeten sich mit grossem Enthusiasmus und viel Freude dieser Aufgabe und die Resultate waren wirklich ein Highlight.

Daniel Kummer (DK): Bei solchen Beispielen bestätigt sich mein Eindruck, dass bei Lernenden gerade dort, wo ihnen etwas als quasi freiwillig erscheint, eine grössere Begeisterung aufkommt als in jenen Bereichen, die sie als Pflichtprogramm wahrnehmen. Bei mir läuft im Moment ein Projekt zur Psychotherapie, dort stelle ich den Schüler*innen als Einstieg einen Pool an Sendungen zu den verschiedenen Therapierichtungen zur Verfügung. Auf dieser Grundlage porträtieren sie dann selber eine dieser Richtungen und liefern Beiträge zu einem Booklet als Endprodukt. Das Ganze läuft, wie vieles bei uns, in den Office-Teams-Strukturen: der Auftrag, die Unterlagen dazu und das Booklet, wobei ich dieses Endprodukt, zusätzlich zur digitalen Ausgabe, dann doch ausdrucke.

SG: Abgesehen von Aufträgen für kreative digitale Produkte erstelle ich in letzter Zeit vermehrt digitale Prüfungen, die sich von selber korrigieren. Meine Lernenden erhalten dadurch die Ergebnisse schneller. Dies erfordert jedoch ein gut funktionierendes Learning Management System, wofür wir als grosse Schule die nötigen Ressourcen haben. So kann ich, um Schummeleien zu minimieren, während der Prüfungen auch auf die Bildschirme der Computer, an denen die Lernenden arbeiten, blicken.

Nun haben Sie bereits einige Facetten digitalen Unterrichts aufgezeigt. Es stellt sich die Frage, worum es bei der Digitalisierung denn geht: um Geräte und Medien, um Unterrichtsinhalte oder Unterrichtsformen?

SG: Als Voraussetzung müssen Geräte und, wie schon gesagt, eine funktionierende Infrastruktur vorhanden sein, damit ich im Unterricht überhaupt digital arbeiten kann. Dazu gehört auch eine gute Bandbreite des Internetzugangs, was noch nicht bei allen Schulen gegeben ist. Dann kann Digitalisierung sehr viel bedeuten: ein digitales Arbeitsblatt, eine digitale Pinnwand (Padlet), eine Lernplattform, ein digitales Lehrmittel und auch digitale Produkte der Lernenden.

RA: Ich sehe das ähnlich. Digitalisierung, das sind die Geräte, dann Inhalte und Formen des Unterrichts, schliesslich die Medien. Für mich ist es optimal, wenn das Gerät sozusagen unsichtbar wird und ich mich nicht mehr darum kümmern muss. Dies bedingt Selbstverständlichkeiten wie eine benutzerfreundliche Cloud und ein stabiles WLAN, was für unsere Schule eine grosse Investition war, so wie es die Tablets sind, mit denen wir unsere Lernenden ausrüsten. Die Volksschule muss unentgeltlich sein und daher, konträr zum Motto «Bring Your Own Device» (BYOD), auch die Geräte zur Verfügung stellen. In diesem Evolutionsprozess probiere ich Dinge aus, mache auch mal wieder einen Schritt zurück, komme von einer vollen Digitalisierung nun zu einer gemischten Form zurück. Die Welt draussen drängt uns jedenfalls zu neuen Formen und lässt sich nicht aufhalten.

DK: Gerätemässig deckt das Handy schon vieles ab, ausser bei der Textproduktion. Die Computer, für die wir bescheidene Vorgaben machen, bringen die Lernenden mit. BYOD geht aber nicht ohne Ersatzgeräte, denn es gibt immer wieder Computer, die Fehler produzieren, die man nicht vermutet hätte. Ausserdem können wir auf eine Schüler*innengruppe, die solche Probleme löst, und auf eine schulische Supportgruppe zurückgreifen. Doch das Entscheidende passiert im Kopf und nicht im Computer. Dass alles Wissen der Welt jederzeit verfügbar ist, lenkt davon ab, dass Bildung mehr ist als die Anhäufung von Wissen. Man muss etwas damit anfangen können, es muss Bedeutung haben. Die Digitalisierung fokussiert mir noch zu sehr auf die technischen Mittel, statt dass über das Lernen nachgedacht wird.

Die Welt draussen lässt sich nicht aufhalten, haben wir gerade gehört. Abgesehen davon, dass mit der Digitalisierung die Gegenwart unserer Lebens- und Arbeitswelt in die Schule kommt, worin liegt für Sie der Gewinn für den Unterricht?

DK: Sie erweitert die Möglichkeiten. In meinem Fach Psychologie beispielsweise kann ichauf eine Reihe von Tools zur Meinungserhebung zurückgreifen. Auch das darstellen von Gruppenarbeitsergebnissen geht abwechslungsreicher als bisher, indem Visualisierungen als Padlet mündliche Präsentationen ersetzen können. Für Übungssequenzen leisten Quizlet oder die Plattform Socrative gute Dienste und mit dem Corona-Fernunterricht habe ich begonnen, meinen Unterricht mit allen Materialien und Ergebnissen im Office-Teams abzubilden. Dies alles lässt die Lernenden individualisiert Zugang zu Wissen haben, sie können sich aber auch eher in der Gesamtgruppe einbringen. Und daneben gibt es natürlich viele Spielereien.

SG: Auch ich stelle fest, dass die Digitalisierung motivierend ist. Wenn wir mit Videos und Audios arbeiten, gibt es viel zu entdecken und ich kann die Lernenden dabei begleiten. Ich sehe auch Vorteile für Lernende mit Handicap, man kann Texte vorlesen lassen oder Schriften vergrössern. Für die Lehrpersonen korrigieren sich die Prüfungen von selber und Aktualisierungen von Unterrichtsmaterialien sind einfacher. Rückmeldung zum Unterricht hole ich via Findmind ein, für politische Standpunkte arbeite ich oft mit dem Parteienkompass und der Zufallsgenerator Flippity-Spinner stellt Arbeitsgruppen zusammen oder bestimmt via Glücksrad jemanden für ein Ämtli. Meine Lernenden sind begeistert davon. Und für jene, die im Digitalen nicht so sattelfest sind, gibt es an unserer Schule einen PC-Crashkurs, in dem sie Unterstützung erhalten.

RA: Als Lehrperson kann ich aus der Vielfalt von immer neuen Möglichkeiten auswählen, darf mich von dieser Fülle jedoch nicht verrückt machen lassen. Kahoot, LearningApps und viele weitere pädagogische Tools finden sich im Internet. Neue Formen auszuprobieren finde ich anregend. Die Lernenden bringen diese Welt als Selbstverständlichkeit in den Unterricht mit. Trotzdem müssen wir darauf fokussiert bleiben, dass im Vordergrund immer die Lernprozesse stehen. Diese Aufgabe hat sich nicht geändert und sie gelingt erfahrenen, gut ausgebildeten Lehrpersonen im analogen wie im digitalen Unterricht. Wichtig finde ich auch, dass die Medien- und Informatikkompetenzen der Lernenden in allen Fächern geschult werden, ganz gemäss Lehrplan 21.

Remo Akermann, bei Ihnen habe ich vorher herausgehört, dass Sie von einem voll digitalen Unterricht wieder zu einer gemischten Form zurückgekehrt sind. Wie darf man sich das vorstellen?

RA: Am Anfang habe ich die komplette Umstellungauf digitale Formate versucht und meine Schüler*innen dazu bewegt, auch Notizen mit der praktischen App Notability zu machen. Während des Corona-Fernunterrichts habe ich dann paradoxerweise wieder viel mit Papier gearbeitet und gemerkt, dass dies auch geschätzt wurde. Nun biete ich möglichst alles in beiden Formen zur Auswahl an. Oft dient ein QR-Code als Verknüpfungselement zwischen Analogem und Digitalem. Diese Mischform bedarf einer aufwändigen und präzisen Vorbereitung.

DK: Studien zeigen ja, dass das Lesen am Bildschirm für die meisten nicht so gut geht wie auf Papier. Auf Papier scheint man vertiefter und gründlicher zu lesen. Meine Schüler* innen lesen zu 90 % lieber auf Papier und machen dort auch ihre Notizen, daher bin ich skeptisch gegenüber einer totalen Umstellung auf den Bildschirm. Auch ich kann vor einem Blatt Papier besser denken als am Computer. Das hat vielleicht damit zu tun, dass man dabei mehr Übersicht hat und es eine Spur realer ist als am Bildschirm. Nur eine einzige Schülerin macht alles am Gerät, auch Notizen.

SG: Ich bin hier wohl die Radikalste in unserer Runde und arbeite fast nur noch digital – auch, weil die Lernenden das so wollen. Dabei kommt es natürlich sehr auf die Berufe an. Ich unterrichte digital affine Elektroniker*innen und Informatiker*innen. In unserem Kollegium sind wir digital sehr unterschiedlich unterwegs, von der Schulleitung kommt aber schon ein gewisser Druck zur Papierlosigkeit.

Bedeutet eine wirkliche Digitalisierung nicht einen ganz neuen Unterricht?

SG: Nun, der ABU muss von Grund auf kompetenzorientiert sein, ob digital oder analog. Die Lernenden sollen z.B. die elektronische Steuererklärung ausfüllen können oder sich über sinnvolle Internetquellen eine Meinung zu einer politischen Vorlage bilden können. Dafür brauchen sie Medienkompetenzen. Um diesen Prozess, dass man zu einer Kompetenz kommt, geht es.

DK: Genau, es geht um Zusammenhänge und um Sinnhaftigkeit. Dies ist nicht digitalisierbar. Die Digitalisierung bringt Wissen in praktischer Form, doch Bildung ist, wie schon erwähnt, mehr als Wissen zu besitzen. Wir müssen verständlich machen, dass es trotz Digitalisierung immer noch Bildung braucht, wissen aber noch nicht genau, wo wir hinwollen, und müssen uns bei aller Betriebsamkeit bewusst sein, dass auch der Kompetenzbegriff nur einen Teil der Bildung abdeckt.

RA: Gerade das auswendig abrufbare Wissen verliert ja mit der Digitalisierung unweigerlich an Relevanz. Und vermutlich werden wir später einmal zurückschauen und uns wundern, was wir uns alles von der Technologie haben diktieren lassen, statt zu sagen, was wir möchten, zum Beispiel viel öfters projektmässig arbeiten.

Die teilnehmenden Lehrpersonen

Simone Gerber: Berufsfachschullehrerin allgemeinbildender Unterricht (ABU), gibb – Berufsfachschule Bern

Daniel Kummer: Gymnasiallehrer Pädagogik, Psychologie, Philosophie, Gymnasium Biel-Seeland

Remo Akermann: Sekundarlehrer Phil. II, Meitleflade, St. Gallen

Roger Portmann: Berufsfachschullehrer (ABU), Journalist, Moderator der Gesprächsrunde