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Spaziergang mit Bernhard Pulver

27.05.13

Wandernde mit Bernhard Puler und hep magazin


«Ein Mischwald ist besser als Monokultur»

Für den Berner Erziehungsdirektor Bernhard Pulver ist klar: Gute Bildung kann nicht von oben verordnet werden. Er fordert deshalb, dass die Lehrpersonen ihre Freiräume wahrnehmen. Während eines Abendspaziergangs mit dem hep magazin erläuterte der Regierungsrat der Grünen, wie er sich dies konkret vorstellt. Lesen Sie hier das ausführliche Interview.
RAHEL ECKERT-STAUBER

Wandernde mit Bernhard Pulverhep magazin: In vielen Ihrer Referate sprechen Sie von «Freiräumen», die es in der Bildung wahrzunehmen und zu verteidigen gelte. Was meinen Sie damit?
Bernhard Pulver: Ich bin der Ansicht, dass man für eine gute Bildung nicht alles bis ins Detail reglementieren und vorgeben kann. Das Entscheidende passiert letztlich zwischen Lehrperson und Schülerinnen und Schülern. Die Lehrperson muss überzeugend und kohärent sein in dem, was sie sagt und tut. Sie muss das Feuer entfachen. Das gilt für jede Schulstufe vom Kindergarten bis zur Universität gleichermassen. Damit dies passieren kann, braucht es Freiräume. Natürlich müssen wir einen Rahmen stecken. Aber darin sollen sich die Lehrpersonen frei und individuell bewegen können.  Selbstverständlich sind Fachkompetenz  und didaktisches Wissen wichtig, aber letztlich geht es um den Funken, der springen muss. Die Schülerinnen und Schüler lernen mehr, wenn die Lehrperson mit Engagement bei der Sache ist, als wenn sie sich an enge Vorgaben hält.

Aber Sie sind als Erziehungsdirektor für den Rahmen zuständig. Ist der denn zu eng gesteckt?
Nein, aber man soll die bereits vorhandenen Freiräume wahrnehmen und nutzen. Unser Schulsystem lässt diese Freiräume ja explizit zu. Ein Beispiel: Ich bin klar für eine freiwillige Basisstufe. Es sollen diejenigen Schulen die Basisstufe einführen, die das auch tatsächlich wollen. Das kommt besser raus, als wenn ich einfach alle dazu zwinge.

Wandernde mit Bernhard PulverEinige Lehrpersonen hätten vielleicht lieber klarere Ansagen...
Das mag stimmen. Aber der grössere Teil der Lehrerschaft hat Freude am Vertrauen.

Die SVP fordert eine Schule nach dem Muster der Fünfzigerjahre. Was halten Sie davon?
Das ist unsinnig. Die Schule verändert sich zusammen mit der Gesellschaft ständig. Man kann nicht mehr gleich unterrichten wie vor 20 Jahren. Und man kann nicht fix und ein für alle Mal definieren, was genau in der Bildung wesentlich ist und was nicht. Das Lernen ist ein komplexer Prozess. Wenn man am Morgen singt, hat das vielleicht einen Einfluss darauf, welche Fortschritte man in der Mathematik macht. Es findet ein Zusammenspiel der Fächer statt. Bildung ist sehr komplex und nicht bloss ein Abfüllen mit Wissen.

Sie haben bereits mehrfach verlauten lassen, dass Sie den Begriff Standardisierungen nicht mögen. Weshalb?
Ich bin überzeugt, dass ein Mischwald besser ist als Monokultur. Wenn man unter Standardisierung versteht, dass beispielsweise alle Schüler nach dem zweiten, sechsten und neunten Schuljahr die gleichen Kompetenzen haben sollen, aber der Weg, wie das erreicht wird, frei ist, dann habe ich kein Problem mit Standardisierung. Wenn man unter Standardisierung hingegen versteht, dass überall alles haargenau gleich passieren muss, dann habe ich Mühe. Es gibt unzählige politische Vorstösse, die fordern, dass alle Schüler genau das Gleiche vorgesetzt bekommen sollten. Etwa, dass jede Lehrperson vor jedem christlichen Feiertag die Bedeutung des Tages erklären soll, oder dass alle einmal pro Jahr einen Abfalltag machen müssen. Dahinter steht die Vorstellung von Lehrpersonen als Maschine. Das ist falsch. Der eine Lehrer wird einen Abfalltag machen, ein anderer einen Tag für die Erdbebenopfer in Haiti und der nächste wird die anstehende Volksabstimmung thematisieren oder den nächsten christlichen Feiertag erklären. Natürlich müssen gewisse Vorgaben gegeben sein. Es muss eine politische Bildung stattfinden, aber der Weg dazu muss frei sein. Noch viel mehr gilt das für die akademische Bildung. Da soll und kann man ja eben gerade nicht sagen, genau dies oder das muss eine Germanistin beherrschen. Sondern es ist geradezu notwendig, dass Germanistin A nicht dasselbe im Kopf hat wie Germanistin B. Sonst käme man ja nirgends mehr hin in diesem Land. Es lebt davon, dass die Leute unterschiedliche Vorstellungen und Fähigkeiten haben. Nur das löst dann auch den Fortschritt aus.

Gegner dieser Ansicht führen ins Feld, dass damit die Chancengleichheit nicht gewährleistet sei.
Das ist nicht dasselbe. Die Chancengleichheit ist nicht dann am besten gewährleistet, wenn alle das Gleiche vorgesetzt bekommen, sondern wenn alle von der Lehrperson dort gefördert werden, wo sie stehen. Ein Beispiel: In Frankreich werden für die Matura die Prüfungsaufgaben zentral vorgegeben. Alle Maturandinnen und Maturanden haben zum Beispiel die gleiche Französischlektüre vorzubereiten. Man findet dann im ganzen Land in den Schaufenstern der Buchhandlungen die gleichen Bücher «Lecture de bacalauréat». Das mag auf den ersten Blick der Egalité und der Chancengleichheit dienen, denn alle haben ja exakt die gleiche Aufgabe. Aber meines Erachtens ist das Unsinn. Die Schülerinnen und Schüler sind ja als Menschen unterschiedlich und haben einen anderen Hintergrund. Nicht jede Maturandin kann mit Flauberts «Madame Bovary» gleich viel anfangen. Und wenn schon, dann müsste ja auch der Unterricht zum Buch bei allen Schülerinnen und Schülern genau der gleiche sein. Das würde ja ein Einheitslehrer/eine Einheitslehrerin bedingen. Dass das unmöglich ist, liegt auf der Hand. Das einzige, was so erreicht wird, ist Einheitlichkeit. Damit werden aber auch die Chancen der Vielfalt und der unterschiedlichen Stärken der Schülerinnen und Schüler nicht genutzt. Und genau dort wäre für mich der Chancengleichheit gedient: Bei uns können die Schülerinnen und Schüler die Maturlektüre weitgehend selbst wählen. Damit kann jeder zeigen, wozu er/sie fähig ist. Das ist für mich Chancengleichheit. Und die erfordert eben eine gewisse Vielfalt, gewisse Freiräume.

Viele Lehrpersonen sind vor allem reformmüde. Was ist dagegen zu tun?
Als ich mein Amt im 2006 antrat, standen extrem viele Reformen an. Die Liste der Reformprojekte umfasste zehn bis 15 Seiten. Wir haben versucht, diese zu reduzieren und Prioritäten zu setzen. Dennoch mussten wir natürlich Vieles durchziehen: Wir haben Tagesschulen eingeführt, den Fremdsprachenunterricht vorverlegt, Integration, Basisstufe und den zweijährigen Kindergarten eingeführt. Und auf das Schuljahr 2017/18 kommt der Lehrplan 21. Aber wenn ich meine Agenda der Bildungsstrategie für die nächsten Jahre anschaue, dann haben wir nur noch ganz wenige Projekte auf Volksschulebene. Auf Sek II-Stufe kommen laufend neue Bildungsverordnungen vom Bund dazu, die wir umsetzen müssen. Und dann wird es noch zu ein paar Strukturanpassungen kommen. In der Tat läuft halt immer viel.

Trotzdem nimmt die Öffentlichkeit offensichtlich eine Beruhigung wahr. Was ist denn Ihr Geheimnis?
Da müssten Sie eigentlich andere Personen fragen (lacht). Ein wichtiger Faktor ist sicher die Wertschätzung gegenüber den Lehrerinnen und Lehrern. Die negative, leicht abschätzige Haltung, die einige Politiker an den Tag legen, hatte ich nie, weil ich genau weiss, was es heisst, den ganzen Tag vor einer Klasse zu stehen. Da können Sie nicht noch schnell eine SMS schreiben oder einen Flug buchen. Sondern das bedeutet totale Präsenz und am Ende des Schultages fühlt man sich auch ziemlich kaputt. Gleichzeitig wird man nicht selten von Politik und Öffentlichkeit abschätzig behandelt. Ein zweiter Faktor ist kein Hüst und Hott. Viele Leute haben mir bei Amtsantritt gesagt: «Mach was willst, aber zieh es dann auch durch.» Also nicht Dinge, wie etwa die Vorverschiebung des Fremdsprachenunterrichts grossartig ankündigen und dann im letzten Moment – wenn bereits alle Lehrpersonen Weiterbildungen gemacht haben - wieder einen Rückzieher machen. Und drittens habe ich mich bemüht, die notwendigen Reformen etwas zu bremsen, zu staffeln und versucht, die Prioritäten gut zu erklären.

Das Erziehungsdepartement ist in anderen Kantonen nicht sonderlich beliebt...
Ja, man hat mir damals auch gesagt: Bist du wahnsinnig! Erziehungsdirektor das ist ein Schleudersitz!

Wandernde mit Bernhard PulverWarum ist es denn ein Schleudersitz?
Die Materie ist extrem vielfältig, komplex und die Belastung mörderisch. Sehr viele Leute reden in der Bildung mit, weil sie alle irgendwie betrifft. Und die Bildung kostet sehr viel. Sie macht fast 40 Prozent des Staatsbudgets aus. Folglich sind Sie von jeder Sparrunde betroffen. Und dann geht es halt um Menschen. Le métier de l’enseignement est un métier de l’humain. Das lässt sich nicht immer so leicht greifen und in Strukturen und Hierarchien hineinpressen.

Wandernde mit Bernhard PulverTrotzdem scheinen Sie den Job mit Leidenschaft zu machen.
Es ist extrem spannend und interessant. Bildung hat mit der Zukunft unserer Gesellschaft zu tun, mit jungen Menschen und mit Menschen, die idealistisch sind und ein Feuer übertragen wollen. Es ist ein warmer, menschlicher Bereich. Es war mir noch nie unwohl an einer Bildungsveranstaltung.

Ein heiss diskutiertes Thema ist die Maturitätsquote. Diese ist in der Schweiz mit 20 Prozent im europäischen Vergleich ziemlich tief.
Aber wir liegen meines Erachtens mit dieser Quote sehr gut. Ich würde daran nichts ändern. Das Bildungssystem der Schweiz ist einer der Hauptgründe für unseren wirtschaftlichen Erfolg. Nicht der einzige, aber ein wichtiger. Wir haben mit Universität und Berufsbildung eine sehr gute Kombination. Wir haben qualitativ hochstehende Universitäten, bei denen wir nicht mehr weiter sparen dürfen. Unsere Unis gehören mehrheitlich zu den 200 Topuniversitäten weltweit. In manch anderen Ländern haben Sie Heerscharen von Akademikern, die am Schluss Taxi fahren oder arbeitslos sind. Die hätten besser eine gute Berufsbildung gemacht mit der Option sich weiterzubilden. Ich betone: Es ist kein Ausspielen des einen Weges gegen den andern. Es braucht beide. Überhaupt: Wir haben eine sehr gute Schule, auf die wir stolz sein können!

 

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